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Der heutige Tag

Vor einiger Zeit saß ich mit spielenden Kindern am Boden – wir waren von Bauklötzen, Figuren Tieren, Fahrzeuge und aufgebauten Landschaften umgeben. Da rief ein Junge, vertieft ins Spiel: „Und heute, heute ist wieder der heutige Tag!“
Es war wie ein Paukenschlag, in meinem Innern ertönte gewissermaßen der große Gong: Der heutige Tag – heute – dieser Moment – Jetzt
Eins mit dem Spiel, eins mit der zeitlosen Zeit, sind Kinder oft unsere spirituellen Lehrer und Lehrerinnen.
Von Yamada Koun Roshi erzählte meine Lehrerin Pia Gyger gelegentlich, dass er sie aufgefordert habe, zu atmen „like a little child“, seien sie wie ein Kind. Er sprach sicher nicht von Regression, eher vom natürlichen Atem und vom Aufwachen zu dieser unverbrauchten Frische des Heute.
Die Christin in mir hört auch die Worte über Kinder in den Evangelien, die Jesus zugeschrieben werden: Lasst sie zu mir kommen, ihnen gehört das Himmelreich. Und: Empfangt das Reich Gottes wie ein Kind! Dieses Reich der Ungetrenntheit ist nah, hier und jetzt, heute, am heutigen Tag.
Die unbefangene, frische Haltung, die uns als Kind eigen war können wir wieder entdecken und erwecken, das macht uns empfänglich für das Erwachen, ja ist schon Erwachen des ungeteilten Bewusstseins.
Die Zen-Buddhistin in mir hört den großen Meister Unmon, der seinen Mönchen eine Unterweisung gibt. Er sagt: „Ich frage euch nicht nach dem vor dem 15.Tag (Vollmond). Doch zu dem nach dem 15.Tag kommt mit einem Wort und sprecht!“
Anstelle der Mönche antwortet er selbst: „Jeder Tag guter Tag.“
Vielleicht hätte der spielende Junge, von dem ich erzählt habe, wenn er dabei gewesen wäre, ausgerufen „Heute, heute ist wieder der heutiger Tag!“
„Jeder Tag guter Tag“ – „eigentlich dürfen wir diese Worte gar nicht in den Mund nehmen.“ schreibt Ute Dreisbach in ihrem Buch, 1000 Worte um das Eine.
„Selig der Tag, an dem es vielleicht geschieht, dass sie aus unserem Herzen, aus unserer eigenen Erfahrung über unsere Lippen drängen. Erst dann wird es kein Slogan, kein Nachplappern sein und kein Reizwort, sondern unsere Wahrheit:
Ja, jeder Tag guter Tag.“