Aktuelles

Pfingsten 2022

Wilde Pfingstrosen,
Jetzt auf dem Höhepunkt ihrer herrlichen vollen Blüte:
Zu kostbar, sie zu pflücken, zu kostbar, sie nicht zu pflücken.
Meister Ryōkan 1758-1831

Pfingsten – Zur unzerstörbaren Kostbarkeit unseres Wesenskerns erwachen – alles Wissen- und Machen-wollen sein lassen und das Erblühen der Wesensnatur voll Vertrauen zulassen…so lebt sich das Leben und entfaltet sich von innen her in Fülle.

 

Veröffentlicht von Gabriele Geiger-Stappel am 3. Juni 2022

Stille in Zeiten der Ohnmacht

Die Morgensonne strahlt klar und warm, angekündigt in der Dämmerung von der jubilierenden Amsel, Veilchen blühen schon trotz kalter Nacht. Der März 2022 ist da.
Schmerzvoll ist die Not der Menschen in der Ukraine und auf der Flucht, erschüttert sind wir von der unerlösten Verblendung, die uns Menschen zu grausamen Wesen machen kann und sich in diesen Tagen machtvoll zeigt.
Lasst uns unbeirrt in Stille vor dem und in dem sein, das seine Liebe bedingungslos verschenkt, wie die Frühlingssonne ihr Licht. Bleiben wir ausgerichtet auf diese geheimnisvolle, unbegrenzte Kraft, die nicht aus uns selbst kommt und doch durch uns wirken will.
„Mach dich nicht abhängig von der Hoffnung auf Erfolge. Du musst damit rechnen, dass all dein Bemühen womöglich fruchtlos bleibt oder sich ins Gegenteil auswirkt. Rechne mit dieser Möglichkeit. Wenn du dich daran gewöhnst, wirst du dich allmählich immer mehr auf den Wert, auf das Richtigsein,  auf die Wahrheit deiner jeweiligen Arbeit konzentrieren, und immer weniger, auf ihre Ergebnisse.“ Thomas Merton

Veröffentlicht von Gabriele Geiger-Stappel am 3. März 2022

Der heutige Tag

Vor einiger Zeit saß ich mit spielenden Kindern am Boden – wir waren von Bauklötzen, Figuren Tieren, Fahrzeuge und aufgebauten Landschaften umgeben. Da rief ein Junge, vertieft ins Spiel: „Und heute, heute ist wieder der heutige Tag!“
Es war wie ein Paukenschlag, in meinem Innern ertönte gewissermaßen der große Gong: Der heutige Tag – heute – dieser Moment – Jetzt
Eins mit dem Spiel, eins mit der zeitlosen Zeit, sind Kinder oft unsere spirituellen Lehrer und Lehrerinnen.
Von Yamada Koun Roshi erzählte meine Lehrerin Pia Gyger gelegentlich, dass er sie aufgefordert habe, zu atmen „like a little child“, seien sie wie ein Kind. Er sprach sicher nicht von Regression, eher vom natürlichen Atem und vom Aufwachen zu dieser unverbrauchten Frische des Heute.
Die Christin in mir hört auch die Worte über Kinder in den Evangelien, die Jesus zugeschrieben werden: Lasst sie zu mir kommen, ihnen gehört das Himmelreich. Und: Empfangt das Reich Gottes wie ein Kind! Dieses Reich der Ungetrenntheit ist nah, hier und jetzt, heute, am heutigen Tag.
Die unbefangene, frische Haltung, die uns als Kind eigen war können wir wieder entdecken und erwecken, das macht uns empfänglich für das Erwachen, ja ist schon Erwachen des ungeteilten Bewusstseins.
Die Zen-Buddhistin in mir hört den großen Meister Unmon, der seinen Mönchen eine Unterweisung gibt. Er sagt: „Ich frage euch nicht nach dem vor dem 15.Tag (Vollmond). Doch zu dem nach dem 15.Tag kommt mit einem Wort und sprecht!“
Anstelle der Mönche antwortet er selbst: „Jeder Tag guter Tag.“
Vielleicht hätte der spielende Junge, von dem ich erzählt habe, wenn er dabei gewesen wäre, ausgerufen „Heute, heute ist wieder der heutiger Tag!“
„Jeder Tag guter Tag“ – „eigentlich dürfen wir diese Worte gar nicht in den Mund nehmen.“ schreibt Ute Dreisbach in ihrem Buch, 1000 Worte um das Eine.
„Selig der Tag, an dem es vielleicht geschieht, dass sie aus unserem Herzen, aus unserer eigenen Erfahrung über unsere Lippen drängen. Erst dann wird es kein Slogan, kein Nachplappern sein und kein Reizwort, sondern unsere Wahrheit:
Ja, jeder Tag guter Tag.“

Veröffentlicht von Gabriele Geiger-Stappel am 10. Februar 2022

Das neue Jahr – unser Leben

Newsletter Januar 2022: Zen Zentrum Offener Kreis in Luzern

„Was hast du dir für das neue Jahr vorgenommen?“ wurde ich am 1. Januar gefragt. Spontan erinnerte ich mich an die vier großen Gelöbnisse, die immer am Anfang und am Ende eines Tages im Sesshin oder Zazenkai rezitiert werden und die ich täglich nach dem Zazen spreche:

Die Zahl der Lebewesen ist grenzenlos, entschlossen gelobe ich in Einheit mit ihnen zu leben.
Wahrnehmung, Gefühle und Gedanken entstehen unaufhörlich, entschlossen gelobe ich sie zu durchdringen.

Die Ordnung des Kosmos ist allumfassend, entschlossen gelobe ich in Einklang mit ihr zu leben. Der Weg des Erwachens ist immerwährend, entschlossen gelobe ich ihn zu verkörpern.“

Gleichen die Gelöbnisse guten Neujahrsvorsätzen, die schnell auch wieder der Gewohnheit untergeordnet und vergessen werden?

Im Zen ist ein Gelöbnis eine Bekräftigung der aufrichtigen Absicht, etwas umzusetzen, zu verwirklichen, zu verkörpern. Es ist die innere Ausrichtung und der Wegweiser an den vielen Kreuzungen des Alltags. Im wiederholten Rezitieren verbinden wir uns mit dem Geistesstrom dieser alten und in ihrem Wesen so zeitlosen Gelöbnisse und aktualisieren kontinuierlich ihre Ausrichtung in uns. Doch reicht die Absicht alleine nicht aus. Sie bleibt eine Vision voller Potentialität, fehlt ihr die Entschlossenheit.

Der Zen-Meister Bernie Glassman beschreibt in seinem Buch „Anweisungen für den Koch“ beispielhaft, dass die Absicht eine ähnliche Funktion hat wie die Hefe, eine wesentliche Zutat, um Brot zu backen. Es braucht jedoch weitere Zutaten wie Mehl und Wasser, es braucht das Zusammenkneten und das Feuer, damit ein nährendes Brot aus dem Ofen kommt. Das entspricht der Entschlossenheit.

Die Entschlossenheit ihrerseits verlangt den klaren Blick für die Rezeptur und das Gespür für das, was zu tun ist. In der regelmäßigen Übung des Zazen klärt sich, was schon klar vor uns liegt und getan werden will. Denn die Lebenswirklichkeit zeigt sich heute mit herausfordernden Zutaten, die Pandemie, die Migrationskrise und der Klimawandel gehören dazu, die uns so eindringlich an die Einheit allen Lebens erinnern. Sie wollen weise, mutig und tapfer gehandhabt werden.

Mit Entschlossenheit unsere Zutaten hineingeben, nicht mehr und nicht weniger, macht unser Leben zu einem nahrhaften Brot. Das wünsche ich uns für dieses noch junge Jahr: In jedem Moment die nötige Prise Entschlossenheit!

Gabriele Geiger-Stappel

Zen Lehrerin

Veröffentlicht von Gabriele Geiger-Stappel am 7. Januar 2022

Die Kraft des Nichtwissens

Wir quellen über von der Informationsflut, die uns täglich entgegen kommt und sich mit unserem eigenen Wissen und Wissen wollen paart. Doch aus Vielwissen erwächst keine wirkliche Vision, kein weiser Handlungsimpuls.

In der Stille der Kontemplation üben wir uns darin, unser dualistisches, urteilendes Denken zur Ruhe zu bringen und uns ganz dem Nicht-Wissen hinter allem Wissen zu überlassen. Wir werden „geistlich arm“ in einer Haltung innerer Offenheit für das unverfügbare Geschenk universalen Wissens und wahrer Weisheit. Es ist eine adventliche Haltung, mit der wir uns wie MARIA dem „Mir geschehe nach Deinem Wort“ verfügbar machen.

Pia Gyger, Zenmeisterin und Mitbegründerin der Kontemplationsschule via integralis, hat uns ein Gebet hinterlassen, das aus dem Vertrauen in das Nicht-Wissen gesprochen ist: „Christus, Dein Reich komme, Deine Welt bleibe, zeige uns, was wir tun sollen.“ Sie kannte diesen inneren Raum des Nichtwissens, diese Empfänglichkeit, die sich für die Wesenswirklichkeit öffnet und für die Erfahrung der Einheit allen Lebens. Pia Gyger war beseelt von der Vision, dass die Menschen, Völker und Nationen erwachen und sich als Menschheitsfamilie erkennen. Ihr ganzes Lebenswerk war davon durchdrungen. Die Wegbegleiterin von Pia und Zenmeisterin Anna Gamma setzt im Zenzentrum Offener Kreis Luzern wirksame Akzente und Impulse internationaler Vernetzung, Friedens- und Versöhnungsarbeit, sowie einer regelmäßigen online-Meditation und Austauschbegegnung mit Menschen aus den Philippinen, Kalifornien, Nahost, Afrika und Europa.

Die „Illusion der Getrenntheit“ und das Wunder unserer unausweichlichen Verbundenheit mit allen Geschöpfen, mit der Erde und dem Kosmos, wird uns im Geschehen der Covid-19-Pandemie unwiderruflich vor Augen geführt. Die große ökologische Krise steht dem in nichts nach, wie auch die weltweite Migrationskrise. Und nirgends ist eine Lösung in Sicht.
Die 2015 ins Leben gerufene Initiative der via integralis „Meditieren für eine friedliche Welt“ will darauf Antwort geben. Es ist eine Einladung an Menschen, sich im Advent in der Medita
tion zu verbinden und sich persönlich Zeit zu nehmen, die eigenen Gewissheiten und Vorstellungen zur Ruhe zu bringen und sich der Botschaft der Stillen Nacht in der Tiefe ihres eigenen Herzens zu öffnen: FRIEDE AUF ERDEN!

Wissen und Wissenschaft, so segensreich ihre Erkenntnisse sind, werden die Menschheit und den Planeten nicht alleine retten können. Die Wurzeln der Krisen liegen im menschlichen Herzen. Al Gore, der ehemalige US-Vizepräsident schreibt: “Je tiefer ich nach den Wurzeln der globalen Umweltkrise suche, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass sie die äußere Erscheinung einer inneren Krise ist, einer – in Ermangelung eines besseren Wortes – spirituellen Krise“.

Das Sitzen in Stille macht empfänglich für das notwendende neue Bewusstsein. Es erwächst aus der in unserer Zeit so dringlich ersehnten Christusgeburt in uns, die unserem Handeln Richtung und Liebe gibt. Die Synergie einer Gruppe ist dabei wirkmächtig. In der Offenheit des Nicht-Wissens und aus der Erfahrung tiefer Verbundenheit wird das Neue geboren.

Gabriele Geiger-Stappel

Veröffentlicht von Gabriele Geiger-Stappel am 28. November 2021